Jahresthema 2019: Mobilität

Mit dem Rollator zur nächsten Sitzbank, im ICE in die nächste Großstadt,
im Auto zur Oma, mit dem Bus zum Betrieb, auf dem E-Bike in die Berge:
Mobilität ist ein ganz wesentlicher Teil unseres Lebens.
Wie wollen wir in Zukunft unterwegs sein? Woher kommt die Enegie
für unser Fortkommen? Wieviel Platz wollen wir den Autos geben?
Was hat unsere Mobilität mit unserer Gesundheit zu tun?
Mit diesen und vielen weiteren Fragen zur nachhaltigen Mobilität
beschäftigen wir uns 2019. Komm und mach’ dir (d)ein Bild. 2019 Mobilität

Sind wir auf dem richtigen Weg mit unserer Nahmobilität?

Podiumsdiskussion, Mittwoch 30.10.2019 um 19.00 Uhr, Bürgerhaus Niedernhausen

Fünf unterschiedliche Fachleute zum Thema Mobilität auf dem Podium und ein mit rund 80 Teilnehmern und Teilnehmerinnen voll besetzter Saal versprachen einen spannenden Abend. Dieses große Besucherinteresse zeigt deutlich, wie aktuell und brisant die Themen von Fischbachtal kreativ sieben Jahre nach dem Start der Initiative sind. „Wir sind Mainstream!“ so formulierte es Stephan Kühn bei seiner Begrüßung.

Werner Bert als zweiter Moderator von Fischbachtal kreativ auf dem Podium begann mit der Vorstellung der Gäste, die zur Diskussion über die Zukunft der Nahmobilität eingeladen waren:

  • Robert Ahrnt, 1. Beigeordneter des Landkreises Darmstadt-Dieburg,
  • Prof. Jürgen Follmann, Professor für Verkehrstechnik, Verkehrssicherheit und Geographische Informationssysteme an der Hochschule Darmstadt
  • Klaus Görgen, einer der Vorsitzenden des ADFC Darmstadt-Dieburg
  • Angelika Gunkel, Stadt Hanau, Stabsstelle Nachhaltige Strategien in der Abteilung Energie und Klimaschutz
  • Wolfgang Herda, ADAC Hessen-Thüringen

Fragen ans Publikum

Gleich nach der Vorstellung und dann noch mal zwischendurch befragte Corinna Jonitz von Fischbachtal kreativ das Publikum: "Wie weit war Ihre Anreise?, Mit welchem Verkehrsmittel sind Sie angereist?, Was stresst Sie im Alltagsverkehr?, Welche Verkehrsteilnehmer:innen sind wohl am zufriedensten im Alltagsverkehr?" Die Gäste waren eingeladen, zu den verschiedenen Antwortmöglichkeiten aufzustehen und sich umzuschauen. So entstand ein spannendes Meinungsbild, das sofort sichtbar war. Und auch die Bewegung selbst tat sichbar gut.

Steigende Pendlerströme

Jeden Morgen Stau auf der B 26 zwischen Roßdorf und Darmstadt und nachmittags auf der B 38 vor Groß-Bieberau sowie eine hohe Zahl von Auspendlern aus dem Fischbachtal: der Themenkomplex Pendlerströme und die Frage, wie man diese reduzieren kann, bildeten den Schwerpunkt der ersten Diskussionsrunde.
Stärkung der Arbeitsplätze in der Region, Schaffung von Umsteige-Punkten, wo man gut vom Auto zum ÖPNV, z.B. zur Straßenbahn, wechseln kann oder als kurzfristigere Lösung die Bildung von Fahrgemeinschaften, so lauteten einige der Vorschläge der Fachleute zu dieser Problematik.
Zur Bildung von Fahrgemeinschaften gab es jedoch auch kritische Anmerkungen. So würden z.B. Bemühungen über Internet-Plattformen Fahrgemeinschaften zu bilden nicht so gut angenommen – es sei schwierig, passende Wege zu finden. Herr Herda hob hervor, dass das Pendeln in unserer Region zukünftig noch weiter zunehmen werde, da im Rhein-Main-Gebiet die Zahl der Arbeitsplätze steigen werde und Wohnen im Umland günstiger sei als in den großen Städten. Daher müssen der Radverkehr gefördert und der ÖPNV durch deutliche Kapazitätserhöhungen ausgebaut werden. Im ländlichen Raum sei es jedoch schwierig den Individualverkehr zu reduzieren und funktionierende Alternativen zu finden, meinte Herr Ahrnt.

Frau Gunkel wies darauf hin, dass nicht alle Personen ständig über ein Auto verfügen und wir eine Verkehrsplanung benötigen, die alle miteinbezieht und von Haustür zu Haustür denkt. Eine solche Planung gibt es in Deutschland allerdings bisher nur für das Auto.

„Ein Auto ist ein Stehzeug“

Die zweite Runde war dem Thema Verteilung der öffentlichen Verkehrsflächen und dem ruhenden Verkehr gewidmet. Die Zahl der Autos hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen und statt auf privaten Stellplätzen oder in Garagen werden diese vermehrt auf Gehsteigen abgestellt, wo sie Fußgänger und Radfahrer behindern und die Aufenthaltsqualität der städtischen Freiräume beeinträchtigen. „Ein Auto ist ein „Stehzeug“ kein Fahrzeug, es steht meist rum und im Weg“, so brachte Frau Gunkel dieses Problem auf den Punkt. Dass die Gehsteige von parkenden Autos befreit werden müssen, darüber waren sich die Podiumsgäste einig.
Als Lösungen nannten sie Quartiersgaragen in den Städten, dezentrale Parkplätze, flächendeckende Parkraumbewirtschaftung, Carsharing oder Bürgerbusse.

In Hanau errichten Baugesellschaften bei der Anlage neuer Wohngebiete Tiefgaragen, bieten Carsharing und Lastenräder für die Bewohner an. Grundsätzlich muss es das Ziel sein, die Anzahl der Autos pro Kopf zu reduzieren, so gibt es in Berlin z.B. nur noch 30 KFZ pro 100 Einwohner, eine Zahl, die im ländlichen Raum allerdings kaum realisierbar ist. Dennoch solle sich jeder Einzelne fragen, ob er wirklich ein Auto brauche, wie oft er es brauche und ob z.B. die Familie zwei Autos brauche, regte Herr Görgen an.

Auch das Busnetz wird, so Frau Gunkel, in ländlichen Gegenden wohl nicht so gut ausgebaut werden können wie in den Städten, was die Menschen wiederum dazu zwingt, das Auto zu benutzen.

Prof. Follmann hob die vielfältigen Facetten des Parkens hervor: So können z.B. hohe Parkgebühren in Städten als Steuerungsinstrument fungieren, außerdem sei eine effektivere Nutzung der Parkflächen nötig, oft stünden z.B. abends in Darmstadt die Parkhäuser leer, während die Straßen zugeparkt seien.

Lösungsansätze in der Diskussion

Welche konkreten Maßnahmen zur Verbesserung der Nahmobilität schlagen die Fachleute vor? Mit Spannung erwarteten alle diese dritte und letzte Runde der Podiumsdiskussion. Dass der motorisierte Individualverkehr reduziert werden muss, darüber waren alle auf dem Podium einer Meinung. Doch wie kann man die Menschen dazu bewegen, das Auto seltener zu benutzen und welche Alternativen gibt es?

Ganz oben auf der Liste der zahlreichen Vorschläge steht das 365-Euro-Ticket für den ÖPNV, das sicher viele Verkehrsteilnehmer zum Umsteigen bewegen würde. Allerdings wurden auch kritische Stimmen laut, denn hierfür wären hohe Investitionen vor allem für die Anschaffung neuer Busse und Bahnen nötig.

Mit sicheren Abstellanlagen für E-Bikes an Bahnhöfen, mehr Sicherheit auf Radwegen, speziellen Radspuren und an den zunehmenden E-Bike-Verkehr angepassten Straßenquerschnitte könnte man das Radfahren attraktiver machen.

Denkbar wäre auch die Einrichtung eines „Umweltstreifens“ auf mehrspurigen Straßen, auf dem nur Busse, Taxis und mit mehreren Personen besetzte Autos fahren dürfen.

Auch bei der Stadtplanung sind neue Ansätze gefragt. So sollte bei der Planung neuer Wohngebiete der ÖPNV, z.B. eine City-Bahn, von Anfang an berücksichtigt werden.

Die – allmähliche – Anhebung der Treibstoffpreise bildet ebenfalls eine effiziente Maßnahme zur Verringerung des PKW-Verkehrs.

Voraussetzung für einen grundlegenden Wandel unserer Mobilität ist ein verändertes Denken. „Die Verkehrswende fängt im Kopf an“, bestätigte Herr Görgen das Eingangsstatement von Prof. Follmann. Gute Konzepte lägen bereits vor, allerdings fehle oft der Mut zur Umsetzung. Warum nicht vor der Bäckerei oder der Eisdiele zwei Stellplätze umnutzen und mit Sitzgelegenheiten für die Kunden ausstatten? Wir müssen den Mut haben Neues auszuprobieren um den Menschen zu zeigen, was möglich ist, betonte Prof. Follmann.

Wie Frau Gunkel in Hanau bei ihren Nahmobilitätschecks, bei denen die Bedürfnisse der Bewohner untersucht wurden, ermittelt hat, wünschen sich die Menschen Plätze und Bänke im Straßenraum und eine Reduzierung des Verkehrs, damit die Städte wieder lebenswerter werden. Flächen, in denen z.B. Kinder oder Menschen mit Rollatoren unterwegs sind, müssen sicher und bequem begehbar sein. „Mobilität für alle und zwar überall!“ so lautet hier das Motto.

Publikum mit vielen Fragen und Anregungen

Kaum war die Diskussion auf dem Podium beendet, gab es bereits eine Vielzahl von Wortmeldungen aus dem Publikum. Die Gäste nutzten die Gelegenheit eigene Vorschläge zu unterbreiten, Statements abzugeben oder gezielte Fragen an die Redner auf dem Podium zu richten.

So wurde u.a. angeregt, kein eigenes Auto mehr zu besitzen, sondern eine monatliche Nutzungsgebühr für ein autonom fahrendes Auto zu entrichten und die Bereitstellung über eine App zu regeln. Auch auf den massiven Mangel an Busfahrern und Lokführern wurde hingewiesen. Deutliche Lohnerhöhungen für diese Berufsgruppen könnten die Situation verbessern.

"Warum kann während des Berufsverkehrs nicht ein zusätzlicher Waggon an die Odenwaldbahn angehängt werden?" wollte eine Besucherin wissen. Dann könne die Bahn nicht mehr so schnell beschleunigen und es käme zu Verspätungen zitierte Herr Görgen eine nicht näher beschriebene Studie.
Außerdem wurden die Revitalisierung der Gersprenzbahn, der Ausbau des ÖPNV im Landkreis, u.a. des Schienenverkehrs in den Ostkreis und die Einrichtung von Abstellmöglichkeiten für Fahrräder in Parkgaragen in Darmstadt angesprochen.

Eine Besucherin hob die Vorreiterrolle der Niederlande bzgl. des Radverkehrs und der Schweiz bzgl. des ÖPNVs hervor, hier hinkt Deutschland in der Entwicklung weit hinterher. Zum Abschluss äußerte sie die Bitte, den Bürgerbus der Gemeinde zukünftig bei Veranstaltungen o.ä. einzusetzen.
 

Viele Fragen mussten aus Zeitgründen an diesem Abend leider unbeantwortet bleiben, doch haben sicher alle Gäste aus dieser informativen Veranstaltung eine Reihe von Anregungen für sich mit nach Hause genommen. Die Diskussion hat zum einen gezeigt, dass es für eine zukunftsfähige Mobilität nicht nur eine Lösung sondern eine Vielzahl von Ansätzen gibt, die entsprechend der jeweiligen Rahmenbedingungen umgesetzt werden müssen. Zum anderen wurde deutlich, dass wir nicht darauf warten können, dass die Politiker handeln, sondern, dass wir mit den Veränderungen bei uns selbst anfangen müssen und zwar angesichts des Klimawandels besser heute als morgen.

Hier ist unsere Einladung:

Sind wir auf dem richtigen Weg mit unserer Mobilität?

Podiumsdiskussion | Mi., 30.10.2019 um 19:00 Uhr | Bürgerhaus Niedernhausen

Fünf Menschen aus unserer Region, die sich intensiv mit verschiedenen Facetten von Mobilität beschäftigen, sind bei dieser Podiumsdiskussion zu Gast.

Wir sprechen über die täglichen Pendlerströme, über deren Ursachen und Wirkungen.
Wir diskutieren die Verteilung der öffentlichen Flächen auf die verschiedenen Verkehrsarten.
Wir versuchen herauszufinden, welche Auswirkungen die verschiedenen Verkehrsformen auf unsere Lebensqualität haben, besonders in Bezug auf Luft, Lärm, Sicherheit;  "Autogerecht" und / oder "Menschengerecht" ist hier die Frage.
Dabei gehen wir natürlich auch auf die Fragen und Beiträge aus dem Publikum ein.
 

Das sind die Gäste auf dem Podium:

Robert Ahrnt
Robert Ahrnt

Robert Ahrnt

Nach dem Studium Architektur und Stadtplanung war Robert Ahrnt an verschiedenen Stationen in unserer Region tätig - zuletzt als Leiter des städtischen Fachdienstes Bauwesen, Stadt- und Umweltplanung in Langen. Als 1. Beigeordneter des Landkreises Darmstadt-Dieburg ist er ab dem 1. Okto­ber 2019 politisch für die Themen Bauen, Abfallwirtschaft, Volkshochschule, Umwelt- und Naturschutz und Dadina zuständig.

Prof. Dr.-Ing. Jürgen Follmann
Jürgen Follmann

Prof. Dr.-Ing. Jürgen Follmann

Als Professor für Verkehrstechnik, Verkehrssicherheit und Geografische Informationssysteme an der Hochschule Darmstadt engagiert sich Prof. Jürgen Follmann auch in verschiedensten Gremien und Arbeitskreisen zu diesen Themen. Seit 2017 leitet er den Fachbereich Bau­ingenieur­wesen als Dekan und ist Mitglied des Senats der Hochschule Darmstadt.

Klaus Görgen
Klaus Görgen

Klaus Görgen

Als verkehrspolitischer Verein und als Fahrradlobby setzt sich ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club) für die konsequente Förderung des Fahrradverkehrs ein. Dabei arbeitet er mit allen Vereinen, Organisationen und Institutionen zusammen, die sich für mehr Radverkehr und für mehr Sicherheit und Umweltschutz im Verkehr einsetzen. Der ADFC ist parteipolitisch neutral, aber parteilich, wenn es um die Interessen Rad fahrender Menschen geht. Klaus Görgen ist einer der Vorsitzenden des ADFC Darmstadt-Dieburg e.V.

Angelika Gunkel (Foto: K. Schilling)
Angelika Gunkel
(Foto: K. Schilling)

Angelika Gunkel

Für die Stadt Hanau arbeitet Angelika Gunkel bei der Stabsstelle Nachhaltige Strategien in der Abteilung Energie und Klimaschutz. Zu ihren Aufgaben gehören der Klima­schutz, Anpassung an den Klimawandel und Nahmobilität. Hohe Priorität in allen drei Bereichen hat die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger in Stadtteilentwicklungsprozessen.

Wolfgang Herda
Wolfgang Herda

Wolfgang Herda

Der Allgemeine Deutscher Automobil Club (ADAC) ist einer der mitglieder­stärksten Vereine in Deutschland. Im ADAC Hessen-Thüringen ist Wolfgang Herda Ansprechpartner für verkehrspolitische Fragestellungen und berät darüber hinaus zu allen Themen der Mobilität. Er kümmert sich um Verkehrs­sicherheits­aktionen und koordiniert Verkehrs­sicherheits­programme für Kinder, Jugendliche und Senioren zur Sensibilisierung für die Gefahren des Straßenverkehrs.

Der Abend wird moderiert von Werner Bert und Stephan Kühn. Beide sind Alltagsradfahrer und engagieren sich schon lange beruflich und ehrenamtlich für Natur- und Umweltschutz.

Wo ist das Bürgerhaus Niedernhausen?

Ganz in der Nähe des Bürgerhauses ist die Bushaltestelle "Fischbachtal-Niedernhausen Schnurrgasse". Die Busse der Linie MO2 und NH halten hier. Dies ist die Fahrplanauskunft des RMV.

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