Jahresthema 2016: Wirtschaft

Steht die Befriedigung der Bedürfnisse aller Menschen
noch im Mittelpunkt wirtschaftlicher Aktivitäten?
Gehen wir mit knappen Ressourcen sorgfältig genug um?
Welche Auswirkungen hat Wirtschaften eigentlich
auf Gesellschaft und Umwelt?
Sollten und könnten wir daran etwas verändern?
Es sind diese und weitere Fragen, die wir 2016
aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten wollen.
Begleite uns und mach dir (d)ein Bild. files/fischbachtal-kreativ/content/events/2016 Wirtschaft/key visual wirtschaft 2016 alte_fabrik.jpg

Wald und Forstwirtschaft im Wandel

Samstag, 15. Oktober 2016, Waldspaziergang mit Volker Diefenbach in Lichtenberg

Vergeblich hatten wir am vereinbarten Treffpunkt noch einige Minuten gewartet. Es blieb dabei: nur wenige Menschen waren gekommen, um beim anstehenden Waldspaziergang das Thema „Forstwirtschaft und Nachhaltigkeit“ kritisch unter die Lupe zu nehmen. Um es vorweg zu nehmen: dass hatte auch den Vorteil, dass der folgende Informations-, Meinungs- und Gedankenaustausch außerordentlich intensiv ausfiel.

Es war eine geballte Ladung forstlicher Kompetenz, die sich zusammen mit der kleinen Gruppe auf den Weg in den Fischbachtaler Wald machte: Volker Diefenbach, ehemaliger Förster und heute Mitglied im Vorstand der Sozialkammer des FSC (Forest Stewardship Council) in Deutschland, natürlich auch Günter Coumont, unser erfahrener und langjähriger Revierförster, der uns bereits bei der Vorbereitung dieser Veranstaltung intensiv unterstützt hatte. Und mit Stefan Braune und Burkhard Priess hatten sogar noch zwei weitere Revierförster aus der Region den Weg ins Fischbachtal gefunden.

Auf unserem Weg berichtete Diefenbach über die Wurzeln des FSC, einer internationalen Initiative, die in der Folge der Konferenz von Rio im Jahr 1992 entstanden war. Im Fokus standen zunächst vor allem die bedrohten tropischen Regenwälder, danach jedoch folgte sukzessive die internationale Verbreitung in alle Welt. Worum ging und geht es dabei? Ja, Wälder sollen wirtschaftlich genutzt, ihre vielfältigen Produkte und Leistungen den Menschen zugänglich gemacht werden. Aber nicht um den Preis ökologischer Schäden und sozialer Ungerechtigkeit.

Um dies zu erreichen, hat der FSC ein durchaus umfangreiches Regelwerk entwickelt. Das Besondere daran: weltweit sind grundsätzlich alle beteiligten Interessengruppen aus unterschiedlichsten Bereichen in die Prozesse integriert, um jeweils national einen tragfähigen Konsens zu erzielen, der unterschiedliche sozio-kulturelle, ökologische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen zwischen den Ländern berücksichtigt. So werden die FSC-Grundsätze beispielsweise auch von allen namhaften Naturschutzverbänden anerkannt.

Unsere Gruppe läuft weiter durch den Fischbachtaler Wald. Der ist - auf Initiative des Forstamtes Dieburg - bereits seit 2010 nach FSC-Kriterien zertifiziert. Die gelten sowohl für den Wald im Besitz der öffentlichen Hand als auch für private Waldbesitzer. Einer Zertifizierung voraus geht grundsätzlich das so genannte Eröffnungsaudit, die Bestandsaufnahme um festzustellen, ob ein Wald auch zertifizierungsfähig ist. Das kostet Geld, am Anfang zwischen 2.500 und 5.000 Euro, die späteren jährlichen Audits allerdings weniger.

Von Diefenbach und Coumont erfahren wir mehr über einen FSC-Forst. Zum Beispiel, dass der Einsatz von Pestiziden oder Düngemitteln grundsätzlich tabu ist. Und dass - ab einer gewissen Waldgröße - gewisse Flächenanteile überhaupt nicht mehr bewirtschaftet werden. Sie werden dadurch zu Beobachtungs-, Lern- und Entwicklungsflächen, liefern wertvolle Referenzen darüber, wie sich das komplexe System entwickelt, wenn es sich selbst überlassen wird. Dort finden sich dann auch besonders alte Bäume, tot oder lebendig. Sie bieten ganz besondere und wertvolle Lebensräume, werden Biotop- oder Habitatbäume genannt, müssen unbedingt erhalten bleiben.

Der „natürlichen Waldgesellschaft“ gilt generell die besondere Aufmerksamkeit des FSC. Das ist jene besonders interessante Art von Flora und Fauna, die sich auf Grund der spezifischen Standort- und Klimabedingungen einer Region ohne Eingriff und Zutun des Menschen einstellen würde. Ein solcher Wald ist nämlich der Garant für notwendige Artenvielfalt einerseits, für bestmögliche Stabilität dieses so subtilen Ökosystems andererseits. Dabei zeigt sich auch, dass nicht jede Baumart überall gedeiht und hingehört. Folgerichtig dürfen in einem FSC-Wald jene Baumarten, die nicht zur örtlichen natürlichen Waldgesellschaft zählen, einen Anteil von höchstens 20 Prozent haben - und das wiederum verteilt auf nur kleine Flächen, die zudem verstreut liegen müssen.

Wenn auch FSC-Wälder bewirtschaftet werden sollen, stellt sich natürlich die Frage nach den erzielbaren Preisen für die Produkte. Kann also für FSC-zertifiziertes Holz  auch ein höherer Preis realisiert, kann es teurer verkauft werden? Die Antwort der Experten fällt differenziert aus: in Einzelfällen ja, prinzipiell allerdings nicht. Dennoch spielt eine Zertifizierung am Markt eine entscheidende Rolle, viele Großabnehmer machen sie schlicht zur Bedingung, wer sie nicht hat, der nimmt nur noch sehr bedingt am Marktgeschehen teil.

Wir gehen weiter auf unserm Spaziergang durch den wunderschönen Fischbachtaler Wald bei Lichtenberg, genießen die Vielfalt, das noch satte Grün, vereinzelt durchsetzt von allerersten herbstlichen Farbtupfern in gelb oder rot. Und erreichen eine Fläche, die durch einen Zaun abgetrennt ist und sich hinsichtlich der darin vorhandenen Vegetation vom umliegenden Areal deutlich sichtbar unterscheidet.

Hier erfahren wir noch mehr von der natürlichen Waldgesellschaft, lernen, dass man die umzäunten Gebiete „Weiserflächen“ nennt deshalb, weil damit etwas nachgewiesen werden soll. Konkret geht es dabei um den Einfluss des Bestandes an Rehwild. Denn der ist mangels natürlicher Feinde wie Wolf, Bär oder Luchs meist nicht mehr in einer natürlichen Balance. Die Folge ist übermäßiger Verbiss an Jungpflanzen der wichtigen und gewünschten Hauptbaumarten, die sich deshalb häufig ohne Schutz nicht ausbreiten und in Ruhe aufwachsen können. Der Vergleich zwischen geschützten Weiserflächen und entsprechenden ungeschützten Flächen in der direkten Umgebung liefert dann die gewünschten Fakten, quantitativ und qualitativ. Das hilft bei der Definition eines waldverträglichen Wildbestandes, der aus bereits genanntem Grund durch Jagd und Abschuss reguliert werden soll und muss.

Unser ungewöhnlicher Waldspaziergang inklusive intensiver Debatte und Diskussion nähert sich dem Ende. Rund zweieinhalb Stunden waren wir unterwegs, nun trennen sich die Wege. Mit Volker Diefenbach und Günter Coumont haben wir viel erlebt und viel erfahren - über Fakten und Hintergründe, Sinn und Unsinn, über Erfolge und Herausforderungen in Sachen Wald. Dafür sind wir sehr dankbar.

Hier ist unsere Einladung:

Die Forstwirtschaft - der Zukunft gewachsen?

Spaziergang im Gespräch  |  Treffpunkt Parkplatz Heuneburg
in Lichtenberg  |  Samstag, 15.10.2016, 14:00 Uhr

Unser Wald soll ganz viel leisten: Heimat sein für Tiere, Pflanzen, Wanderer und Radfahrer. Er soll unser Klima schützen und frische Luft produzieren, aber auch Holz und andere Rohstoffe liefern. Und schön aussehen oder Dichter inspirieren soll er auch noch. Ist dies alles noch zu schaffen - und wie?

Diese Balance zwischen dem Schutz von Arten und Lebensräumen einerseits und einer gewinnbringenden Nutzung der Wälder, der Versorgung von Bevölkerung und Wirtschaft mit dem Rohstoff Holz ist die wichtigste Aufgabe und zugleich größte Herausforderung  für die Forstwirtschaft.

Bei unserem Spaziergang diskutieren wir gemeinsam über Naturschutz im Wald, über die Anpassung an den Klimawandel, über die kaskadenartige Mehrfachnutzung von Holz, über Öko-Label im Holzhandel, über Urwälder in Deutschland, über den stärker werdenden Freizeitdruck, und über vieles mehr.

Volker Diefenbach - Bürgermeister Gemeinde Heidenrod, Vorstand der Sozialkammer des FSC, entsandt von: Bundesvertretung Beamte/Angestellte in Forst und Naturschutz der IG BAU (© FSC Deutschland)

Über Volker Diefenbach

Volker Diefenbach war bis 2013 Revierförster im Taunus. In dieser Funktion war er auch aktiver Gewerkschafter, zuletzt Bundes- und Landesvorsitzender Forst- und Naturschutz in der IG-BAUEN AGRAR UMWELT. Er engagierte sich im Personalrat auf Landesebene, zuletzt als Vorsitzender des Hauptpersonalrates beim Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.
2014 wurde er in einer der waldreichsten Gemeinden Hessens – in Heidenrod – zum Bürgermeister gewählt.
All diese Aufgaben qualifizierten ihn, beim FSC Deutschland (dem Forest Stewardship Council) Vorstand der Sozialkammer zu werden.

Der Forest Stewardship Council (FSC)

Der FSC hat sich die Förderung einer umwelt­freundlichen, sozial­förderlichen und ökonomisch tragfähigen Bewirtschaftung von Wäldern zur Aufgabe gemacht. Weltweit. Die unabhängige, gemeinnützige Nicht-Regierungs­organisation wurde 1993 als ein Ergebnis der Konferenz „Umwelt und Entwicklung“ in Rio de Janeiro gegründet. Heute ist der FSC in über 80 Ländern mit nationalen Arbeitsgruppen vertreten.

Der FSC Deutschland ist eine nationale Initiative, die den FSC International unterstützt. Er wurde 1997 als Diskussionsforum zur Förderung einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung innerhalb Deutschlands gegründet und ist als gemeinnütziger Verein anerkannt.

Der FSC wird in Deutschland getragen von Umweltverbänden wie WWF und Greenpeace, aber auch von Vertretern aus der Wirtschaft und Gewerkschaften wie der IG Metall oder der IG BAU. Weltweit wird der FSC als wichtige Initiative für die Einführung demokratischer Prozesse und nachhaltiger Wirtschaftsweisen durch die faire Beteiligung unterschiedlicher Interessengruppen betrachtet.

Auch zu Fragen zum FSC wird Volker Diefenbach Rede und Antwort stehen.

Und in Fischbachtal?

Gemeinsam mit anderen Kommunen im Forstamt Dieburg hat die Gemeinde Fischbachtal 2010 ihren Wald (395 ha) nach den Richtlinien des FSC zertifizieren lassen.

Wo treffen wir uns?

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